Mittwoch, 29. Juni 2016

Heile Welt vs. Reale Welt [K]

Hey ihr Lieben!

Dank einiger Rezensionen musste ich mich in letzter Zeit häufiger mit der Frage auseinandersetzen, ob eine Geschichte wirklich realitätsgetreu sein muss, um gut zu werden. Ich kritisiere gerne mal, dass eine Geschichte mir einfach zu unrealistisch gestaltet war und mich deshalb einfach nicht überzeugen konnte. Von anderen höre ich aber oft, dass das gar nicht so schlimm sei, weil es ja eben „nur“ eine Geschichte ist und nicht das wahre Leben. Aber ist dem denn wirklich so?
Kommt uns etwas, dass nicht mit dem Leben, das wir kennen, konform ist, nicht automatisch suspekt vor? Mir geht es jedenfalls so. Auf mich wirken Dinge, die ganz anders sind als die, die ich so kenne, einfach unglaubwürdig.
Ich rede dabei wohlgemerkt nicht von solchen Genres wie z. B. Fantasy, wo all das ja noch gerechtfertigt ist. (Wobei ich auch hier sagen muss: Wenn man eine eigene Welt erschafft, dann muss man diese auch überzeugend rüberbringen, weil sonst kann man sich als Leser auch hier nicht darauf einlassen.) Ich rede wirklich von Geschichten, die eigentlich in unser aller Alltag spielen. Man kennt das doch selbst, dass im eigenen Leben auch nie alles glatt verläuft, weil es immer etwas oder jemanden gibt, der einem den Plan, den man aufgestellt hat, kaputt macht. Wie kann man dann eine Geschichte, die einfach so voller „Heile Welt“ strotzt, noch genießen können, ohne fassungslos zu bleiben? Ich meine, gerade wenn man selbst schon mal negative Erfahrungen sammeln durfte, kann man dann doch keine Geschichte als gegeben ansehen, in der alles immer Friede, Freude, Eierkuchen ist.
Gerade im Gay Romance Genre ist das wirklich ganz schrecklich. Auf einmal ist die Welt tolerant und niemand hat ein Problem mit schwulen oder lesbischen Pärchen – wohingegen man auf der Straße eben doch noch „scheiß Schwuchtel“ nachgerufen bekommt. Sorry, aber ich kann dem Buch dann einfach nichts abgewinnen. Ich frag mich dann nur, ob der Autor/die Autorin die Augen vor der Realität verschlossen hat oder was da sonst schief gelaufen ist.
Auf mich wirkt es dann eher so, als würde sich der Autor/die Autorin das Leben einfach machen. Man dreht einfach alles so, dass es zur Geschichte passt und um Probleme nicht irgendwie lösen zu müssen, lässt man erst gar keine aufkommen. Sprich: Damit der Chara sich nicht mit homophoben Menschen rumärgern muss, existieren diese einfach gar nicht erst.
Aber ist das dann wirklich noch Schreibkunst oder ist das nur etwas, dass unmotiviert auf Papier geklatscht worden ist? Okay, ich möchte niemanden unterstellen, unmotiviert zu sein, aber ich muss mich schon fragen, was sich derjenige dann dabei gedacht hat - beziehungsweise, ob er überhaupt gedacht hat.
Und es beginnt ja nicht erst bei solchen großen Dingen, wie eben einer toleranten Parallelwelt. Es beginnt ja schon bei Kleinigkeiten. Wie ein Charakter reagiert, wie sich eine Situation entwickelt… Meine Favoriten sind da ja zum Beispiel so Sachen wie „Liebe auf den ersten Blick“ oder „Bruder, Cousin, Onkel, Vater, Nachbar – alle schwul“… Alles Dinge, über die ich mich schon öfters auf dem Blog aufgeregt habe, weil sie mir einfach nicht in den Kopf wollen.
Nichts davon ist für sich alleine weltbewegend oder sonderlich dramatisch. Aber wenn sich all diese Punkte in einer Geschichte summieren, dann kann man doch nur noch mit dem Kopf schütteln. Ich weiß nicht, wie man so eine Geschichte dann noch mögen kann.
Und ja, ich weiß, es gibt Menschen, die auf solche Sachen abfahren. Ich möchte das jetzt auch nicht prinzipiell verurteilen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass so eine Geschichte für manche einfach eine Flucht vor der Realität sein kann. Einfach mal abschalten und in eine Welt fallen lassen, in der alles einfach und schön ist – es mag sicher für den einen oder anderen ein guter Ausgleich zum eigenen Leben sein. Das akzeptiere ich ja auch. Trotzdem kann ich es nicht ganz nachvollziehen. Mir bringt es mehr, wenn ein Protagonist ein Problem, dass ich selbst habe, lösen kann und mir so Mut macht, dass auch ich es schaffen kann – statt dass mir jemand eine Welt vorgaukelt, von der ich genau weiß, dass sie nicht der Realität entspricht.
Nicht, dass es nicht völlig legitim ist, wenn einfach mal alles glatt läuft. Denn, um die Aussage von oben noch einmal zu zitieren: Es ist ja nur eine Geschichte.
Aber ich finde einfach, man darf dabei den Bezug zur Realität nicht verlieren, weil man sich damit doch irgendwie selbst belügt.
Wieder einmal eine Ansicht von mir, die sicher nicht jeder teilen wird. Es würde mich wirklich interessieren, wie ihr das seht. Mögt ihr denn Geschichten, die auf „Heile Welt“ machen? Oder bevorzugt ihr auch eher realistischere Geschichten? Und falls ihr wirklich erstere lieber mögt, warum? Warum macht euch so eine Abweichung von der Realität nichts aus? Helft mir, das ein wenig besser nachvollziehen zu können, denn manchmal zweifle ich deswegen echt an mir selbst.

Jules :)

Kommentare:

  1. Als Leserin kann ich dazu nur sagen, heile Welt ist toll. Ich weiß, dass sie so nicht wirklich existiert, sondern mehr/oft eine Wunschvorstellung ist, aber gerade darum lese ich ja Bücher. Um zu entspannen, mich zu erholen, zu träumen. Da darf es dann auch ruhig mal die heile Welt, ohne Schwulenfeindlichkeit oder sonstiges Drama sein. Für mich ist eher wichtig, dass der Autor die Realität nicht völlig vergisst, was dann aber mehr auf Beschreibungen oder andere Details zutrifft.

    Wenn Rom plötzlich die Hauptstadt von Frankreich ist, oder jemand mit frisch gebrochenen Rippen mal eben in einem Club tanzen geht, runzle ich dann doch die Stirn. *gg*

    Ansonsten darf eine Romanze aber ruhig genau das sein, was sie für mich ist - Erholung vom Alltag. :-)

    Und als Autorin ist mir die richtige Mischung wichtig. Das Setting muss stimmen, ebenso das Drumherum. Privat glaube ich z.B. nicht an Liebe auf den ersten Blick, aber wenn meine Charaktere es so wollen, warum nicht? Im Grunde bin ich der Meinung, das schreiberisch so gut wie alles möglich ist, man muss es nur vernünftig in Worte fassen. :-)

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    1. Hey!

      Ich glaube, in einem hast du wirklich recht. Schreiberisch sollte einfach alles erlaubt sein, was auch nur irgendwie möglich ist - und vermutlich auch unmögliches.

      Vielleicht liegt es einfach daran, dass ich schon so einiges erlebt habe und dann einfach nicht fassen kann, wenn bei den Charaktere immer alles rund und komplett ohne winzige Problemchen läuft. Sowas macht mich dann wirklich aggressiv, das ist echt schlimm, aber einfach wahr. Ich komme darauf einfach nicht klar.

      Aber ich verstehe schon den Punkt, dass viele sich in genau so eine Welt flüchten wollen, abschalten von der bösen Realität. Das ist natürlich ein Argument, dass es mir ein wenig erklärt, warum so viele von Büchern begeistert sind, über die ich nur den Kopf schütteln kann.

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  2. Der Bezug zur Realität ... das ist immer wieder ein spannendes Thema. Ich erwarte eine minimale Realität, ein ... genau so könnte es irgendwo auf der Welt sein (nicht unbedingt vor meiner Haustür) Das bezieht sich vor allem Verwicklungen und Wendungen. Zuviel "schwul" finde ich auch immer schwierig, vor allem komplette Familienbanden. Aber witzigerweise habe ich auch ein ziemlich cooles Beispiel zur Realität. Das Buch "MargeritenEngel" habe ich ganz dicht an der Realität geschrieben. Es gibt unglaublich viele Szenen, die quasi genau so stattgefunden haben und zwar nicht bei mir, sondern tatsächlich in einer schwulen Beziehung. Leider hat es das Happy End nicht real gegeben... Die größte Kritik an dem Buch war, dass es so unrealistisch ist, weil sich niemand auf so eine Beziehung einlassen würde.
    Dann habe ich den WhiskyTeufel geschrieben. Alles ausgedacht und manchmal dachte ich, ich übertreibe es ganz schön. Dann flattert ein Brief beim Verlag ein und ein Mann schreibt, dass er genau diese Geschichte erlebt hat. Nicht die Sache mit dem Whisky, aber den Anfang der Beziehung und sie sind jetzt seit 30 Jahren zusammen und glücklich.... Scheint, als wäre Realität wirklich eine individuelle Angelegenheit ;)
    lg
    Karo

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    1. Das ist tatsächlich ziemlich witzig und zeigt mal wieder, dass auch die Realität manchmal so ganz anders sein kann, als man eigentlich erwartet. Ist ja irgendwie schön, das zu hören, weil dann sind vielleicht auch die allerzuckrigsten Geschichten irgendjemanden passiert und das ist für denjenigen sicher schön.

      Vielleicht liegt es dann wirklich an jedem selbst, was er realistisch findet und was nicht. Und wohl auch einfach daran, was er realistisch finden will und was nicht. Ziemlich verwirrend, weil dann heißt das ja im Prinzip: Es gibt nicht eine Realität, sondern Millionen davon.

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