Mittwoch, 9. März 2016

Fähnchen im Wind [K]

Hey!

Wenn ich an Büchern etwas spannend finde, dann sind es die Wandlungen, die Protagonisten teilweise mitmachen. Vielleicht mag ich deshalb auch so sehr Coming-out-Geschichten, in denen langsam die Erkenntnis durchsickert, auf das gleiche Geschlecht zu stehen. Oder Jugendbücher, in denen Jugendliche nach und nach etwas fürs Leben lernen und zu sich selbst finden. Wenn eine solche Wandlung detailliert und realistisch beschrieben wird, dann schafft sie eine ganz zauberhafte Atmosphäre in einem Buch, die einem unter Umständen auch noch etwas beibringen kann.
Leider habe ich schon viele Negativbeispiele gelesen. Soll heißen, Bücher, in denen Protagonisten auf wenigen Seiten eine 180°-Wandlung hinlegen. Mag gut sein, dass es Leser gibt, denen alles andere nicht schnell genug geht, aber ich frage euch, wo ist das der Bezug zur Realität? Sicher, es wird immer Ausnahmen geben, aber trifft man denn wirklich lebenswichtige Entscheidungen einfach von Jetzt auf Gleich? Akzeptiert man etwas, das man gerade noch als Katastrophe empfunden hat, von einer Minute zur nächsten? Das braucht doch Zeit. Zeit, die in Büchern natürlich nicht ins Unendliche ausgedehnt werden muss, die aber ganz sicher auch nicht überstürzt werden sollte.
Noch schlimmer ist es, wenn ein Buch gar nicht die Intention hat, eine solche Lebensphase zu schildern, die Protagonisten aber trotzdem in ihrer Persönlichkeit schwanken, wie ein Fähnchen im Wind. Gerade noch war man schwulenfeindlich, plötzlich liebt man selbst einen Jungen. Oder gerade war man noch das schüchterne Mauerblümchen, im nächsten Moment fängt man in einem Club vor lauter Fremden das strippen an. (Ja, so was habe ich schon in einem Buch gelesen und ich hatte selten ein schlechteres in Händen.)
Ich frage mich wirklich, wie so etwas sein kann. Wie unbedacht gehen Autoren an eine Geschichte und wie wenig setzen sie sich mit ihren eigenen Charakteren auseinander, ehe sie zu tippen beginnen, wenn dann solche Sachen dabei herauskommen? Nichts macht ein Buch doch unglaubwürdiger, als solche Stimmungsschwankungen und Sinneswandlungen der Protagonisten.
Wenn man gewisse Eigenschaften festgelegt hat, dann muss man auch daran festhalten und sie nicht alle paar Kapitel gravierend ändern, nur dass sie besser einer Szene angepasst sind. Es sollte nämlich genau anders herum sein. Man sollte immer die Eigenschaften der Protagonisten erkennen können, egal in welcher Situation sich diese gerade befinden.
Und wenn ein Protagonist eine gewisse Einstellung oder gar Überzeugung vertritt, dann wird er diese auch nicht innerhalb von drei Minuten ändern, nur weil ihn vielleicht gerade jemand mit der Nase drauf gestoßen hat, dass diese albern sind. Das ist vielleicht ein krasses Beispiel, aber glaubt ihr, nur weil ihr einem Nazi sagt: „Ey, deine Einstellung ist scheiße“, wird er nicken und sagen: „Ja, stimmt, da hast du recht. Bin ich von selbst noch gar nicht drauf gekommen. Ich werde ab sofort keine rassistischen Äußerungen mehr machen. Danke.“
Also echt! Einfach mal das Gehirn einschalten und dann werdet ihr sehen, dass so was einfach absolut unrealistisch und affig wirkt. Und wenn so etwas Thema eines Buchs ist, dann zeichnet sich dieses ja dadurch aus, dass der Leser nach und nach erkennt, warum der Protagonist so langsam an seiner Meinung zu zweifeln beginnt und einen anderen Weg einschlägt – und nicht dadurch, dass man plötzlich in Kapitel 4 eine fremde Person vorgesetzt bekommt, die angeblich der Charakter aus Kapitel 3 sein soll.
Ihr merkt, ich rede mich schon wieder in Rage. Aber das ist auch eins der Dinge, die ich in Geschichten am wenigstens vertragen kann. Vielleicht seid ihr da anderer Ansicht, aber für mich ist so was einfach nicht akzeptabel und wird auch in der Rezension dementsprechend stark kritisiert.
Jules :)

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