Mittwoch, 24. Februar 2016

Coming-out [K]

Hallo meine Lieben!

Bevor ich einfach irgendwie starte, erzähle ich euch lieber erstmal, was mich dazu bewogen hat, diesen Post zu schreiben. Ich habe neulich eine Geschichte gelesen, in der es dem Protagonisten sehr schwer gefallen ist, sich auf die Liebe zu einem anderen Jungen einzulassen. Er hat dann ein wenig mit sich gehadert, und musste erstmal zu sich selbst finden, ehe er sich auf den anderen Jungen einlassen konnte und bereit war, es seinen Freunden/seiner Familie mitzuteilen. Im Prinzip ein gut geschildertes Coming-out. Leider gab es dafür nicht nur positive Reaktionen. Manchen Menschen ging es nämlich nicht schnell genug. Vielleicht kommt euch das ein wenig bekannt vor, ich habe davon nämlich auch schon in einem anderen Post erzählt. Heute geht es mir aber um etwas anderes. Es geht mir um das Coming-out an sich. Es scheint nämlich immer noch Leute zu geben, die der Meinung sind, ein Coming-out ist eine lockerflockige Angelegenheit, die man jederzeit bei Kaffee und Kuchen herausposaunen kann. Das ist es aber eben nicht. Ich meine, es wird sicher Familien geben, in denen das so einfach funktioniert und es sei jedem gegönnt, der dieses Glück hat, aber es gibt leider eben auch andere Schicksale.
Gerade wenn man z.B. sehr konservativ aufgewachsen ist, ist es sehr schwer für denjenigen/diejenige selbst, sich als homosexuell zu akzeptieren. Und noch schwerer wird es wahrscheinlich sein, nicht nur selbst damit klar zu kommen, sondern es auch noch nach Außen, in die konservative Umgebung, zu tragen. Natürlich sollte man meinen, dass es in der heutigen Zeit doch kein Thema mehr sein sollte, aber in welcher Welt müsst ihr leben, dass ihr nicht merkt, dass es eben doch noch ein Thema ist?
Es läuft nicht immer alles glatt. Im Gegenteil. Es ist sehr häufig der Fall, dass sich Freunde oder gar die Familie abwenden. Manche verlieren sogar den Job, wenn der Chef davon Wind bekommt und es ihm missfällt. Natürlich ist es verboten, jemanden wegen seiner sexuellen Ausrichtung zu kündigen, aber glaubt ihr ernsthaft, dass man, wenn man das wirklich möchte, nicht auch einen anderen Weg findet, denjenigen loszuwerden? Wenn man sich mit Coming-out auseinander setzt, kann man nicht immer den naiven Weg gehen: Schwul/lesbisch sein ist süß, ich mag es, also müssen es alle anderen auch mögen. Das ist vielleicht Wunschdenken, aber leider nicht Realität. Ein Outing ist immer mit den verschiedensten Reaktionen versehen und nicht alle werden positiv ausfallen.
Gleichzeitig kann man aber nicht hergehen und alle verteufeln, die nicht sofort „Hallelujah“ schreien. Man muss sich in die anderen Personen hineinversetzen. Die Mutter, die immer auf Enkelkinder gehofft hat und jetzt wohl nie welche haben wird. Der Vater, hinter dessen Rücken nun getuschelt wird, er hätte seinen Sohn verweichlichen lassen. Der beste Freund/die beste Freundin, der/die jahrlang nichts ahnte und sich jetzt ausgeschlossen fühlt. Vielleicht die erste Liebe, der man jetzt erklären muss, dass man sie einfach nicht lieben kann, weil man auf das gleiche Geschlecht steht, obwohl sie doch eigentlich eine wundervolle Person ist.
So was ist eine sensible Angelegenheit, die aus verschiedensten Blickwinkeln gesehen werden muss und alles, nur nicht in Schubladen gesteckt werden kann.
Wenn sich also ein Buch dieser Sache feinfühlig und mit der gebotenen Langsamkeit annähert, dann ist dieses Buch nicht schlecht sondern realistisch. Und es hat es sicher nicht verdient, als langweilig dargestellt zu werden. Im Gegenteil. Durch diese feinfühlige Herangehensweise wird es vielleicht sogar einigen Teenagern helfen, ihr eigenes Coming-out irgendwie zu bewältigen. Genau das, was ein Buch dieses – nennen wir es mal – Genres, können muss. Denn wie gesagt, es wird immer Coming-out-Storys geben, die glücklich verlaufen, aber es wird wohl auch noch lange welche geben, in denen danach nichts mehr wie vorher ist.
Ich hoffe, ihr könnt nachvollziehen, was ich meine. Wenn ihr euch für gute Coming-out-Geschichten interessiert, dann klickt mal hier, vielleicht findet ihr ja welche.
Jules :)

Kommentare:

  1. Hey,

    mal wieder ein interessantes und wichtiges Thema das du ansprichst.

    Ich glaube, man muss ein bisschen trennen zwischen dem was realistisch ist und dem was der Leser will.
    Natürlich bin ich auch jemand, der gern realistische Sachen liest und ich hasse es, wenn ich Reaktionen oder Verhaltensweisen nicht nachvollziehen kann. Aber nehmen wir als Beispiel das simple zur Toilette gehen. Ich weiß nicht, ob wir beide mal drüber gesprochen hatten, oder ob das mit jemand anderem war, aber jedenfalls taucht das nie in Büchern auf. Nie geht da mal jemand zur Toilette. Und warum nicht? Weil das keiner lesen will. Ich auch nicht.

    Natürlich kann und will ich ein Coming Out nicht mit einem Gang zur Toilette vergleichen. Ich meine nur, dass man als Leser einfach bestimmte Sachen lesen will, oder eben nicht. Was aber nicht bedeutet, dass man so schreiben muss/soll, dass die Leser zufrieden sind, ohne jeden Bezug zur Realität.

    Ja, eine Geschicht soll realistisch sein und ich stimme dir zu, dass eine super offene Familie à la "Ja, das wusste ich ja schon immer" nicht realistisch ist. Das will ich auch nicht lesen.

    "Wenn sich also ein Buch dieser Sache feinfühlig und mit der gebotenen Langsamkeit annähert, dann ist dieses Buch nicht schlecht sondern realistisch." Hast du sehr schön gesagt und stimme ich dir auch zu.

    Um jetzt aber mal endlich zum Punkt zu kommen: Was ich nicht lesen will ist dieses "Heute sag ich es ihnen" Dann geht der Protagonist zu seiner Familie, womöglich ist es aus der Ich-Perspektive geschrieben und man bekommt mit, wie er sich darauf vorbereitet ES zu sagen und dann kommt die Mutti "Warum hast du denn die Frau nicht mitgebracht, mit der dich die Nachbarin letzte Woche in der Stadt gesehen hat" und er sagt es nicht. Beim nächsten Mal das gleiche "Heute sag ich es ihnen aber ganz sicher" und wieder tut er das nicht.
    Auch das mag ein realistisches Szenario sein, aber trotzdem langweilt es mich dann als Leser, wenn Kapitelweise rumgehampelt wird und es nicht vorwärts geht. Wenn ich merke, da passiert was. Es geht irgendwie vorwärts. In dem Handeln oder den Gedanken der Figuren, dann ist das okay. Aber wenn man immer auf der Stelle tritt, dann ist das für mich als Leser nicht interessant, realistisch hin oder her.

    Insofern muss man da meiner Meinung nach als Autor eine gute Mischung finden zwischen feinfühlig & langsam und gleichzeitig interessant & sich vorwärts bewegend.

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    1. Hey,

      ich geb dir recht, es sollte sich nicht all zu lange hinziehen und ein ständiges Wiedereinknicken ist wohl auch nicht Sinn der Sache.
      Natürlich kann man auch das sehr spannend gestalten, es kommt also einfach darauf an, was der Autor daraus macht.
      Aber trotzdem finde ich es eben noch realistischer, als wenn man sich hinstellt und es in zwei Sekunden alles erledigt und akzeptiert ist.
      Manche Coming-outs in Büchern sind dermaßen bescheuert dargestellt, dass sie mir das ganze Buch vermiesen.

      Wie gesagt, es kommt einfach darauf an, ob der Autor die nötige Feinfühligkeit und Spannung reinbringen kann oder nicht. Aber definitiv sollte man sich bei einem Coming-out ein wenig Mühe geben. Leute, die wirklich denken, dass sei alles ein Klacks, sind für mich absolut vorbei an jeglicher Realität

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