Montag, 25. Januar 2016

Interview mit Kooky Rooster [K]

Hallo ihr Lieben!

Nach gefühlten Ewigkeiten habe ich heute tatsächlich mal wieder ein Interview für euch parat. Diesmal mit Kooky Rooster. Ich freue mich sehr, dass sie mir auf meine Fragen so ausführlich geantwortet hat und danke ihr sehr dafür. Euch wünsche ich jetzt viel Spaß damit!


Liebe Kooky,

1. verrate uns doch bitte, wer steckt hinter dem Namen Kooky Rooster? Kannst du uns ein wenig über dich erzählen?

Ich bin vierzig und bestehe aus Grübeln und Schokolade. Seit meinem achten Lebensjahr halte ich meinen Wahnsinn mit Schreiben in Schach, aber erst seit 2012 lasse ich das Geistesejakulat auf Leser los. Das Chaos meines Schaffens wütet südlich von Wien, in dessen Auge ich planlos, unverheiratet, kinderlos, vegetarisch und ohne Auto dahindingse. Meistens flitzt meine Aufmerksamkeit über den Monitor und kippt dann ins Internet: Schreiben, recherchieren, diskutieren, ein bisschen 3D- und 2D-Grafik und gelegentlich ein aussichtsloser Versuch, mich als Spieleprogrammierer auszuprobieren, weil mir die vorhandenen Spiele gerade nicht zusagen. Ich tüftle gern mit Gaffer-Tape und albernen Zutaten an irgendwelchen Möbel-noch-praktischer-mach-Ideen, weswegen ich eine kreative Verwandtschaft zu Terry Gilliams Kulissenopern verspüre. Davon erschöpft liege ich dann auf dem Bettsofa und lese, lese, lese, und zwar querbeet, zwischen ›Literatur‹, Pageturner, Schreibratgeber, politische oder philosophische Essays – und niemals, nie, zwei Bücher vom selben Autor hintereinander und niemals (fast) nie Fantasy. Ich brauche Vielfalt. Seit 2014 bin ich freiberuflicher Autor – beziehungsweise Autorin. Einst mögen Würmer entscheiden, ob es stimmt, dass mein Hirn mehr wie ein Mann schmeckt, denn wie eine Frau.


2. Dein Autorenname selbst ist ja eher ungewöhnlich. Wie bist du eigentlich auf dieses Pseudonym gekommen?

Als ich mich auf BookRix registrierte, tat ich das nur als Leser und nur gezwungenermaßen, weil ich nur so die versauten Sachen lesen durfte. Den Namen habe ich mir damals spontan aus den Fingern gezogen und lautete ›Narrentod‹. Als Pseudonym für Gay-Romance vielleicht einen Tick zu Dings. In einer stundenlangen Session habe mich mir dann total locker diverse Namen aus dem Ärmel geschüttelt und diese im Internet recherchiert. Die meisten (okay, alle richtig coolen Namen) wurden bereits von Musikern benutzt. Nach einem total protestmäßigen Abschalten der Lautsprecher habe ich meinen Namen in etliche Sprachen übersetzt und Anagramme gebastelt. Mit dem Ergebnis, dass ich vor einem Dschungel aus viertausend geöffneten Websites und Textdateien hockte, und da, irgendwo heraus, hüpfte dann das Namensäffchen. Übersetzt heißt es ›verrückter Hahn‹ und ist eine gelungene Vermählung aus meinem Geisteszustand und meinem Realnamen. Bei dieser Session entstanden noch einige andere Pseudonyme, die ich vielleicht einmal benutzten werde, wenn ich in anderen Genres aktiv werde.


3. Sprechen wir über deine Bücher: Die meisten befassen sich ja eher mit dem alltäglichen Leben, doch »Die Wiederkehrer« geht schon in den Bereich Fantasy und »Ben – Liebe am Abgrund« wieder in eine ganz andere Richtung. Woher nimmst du die Inspiration für so unterschiedliche Geschichten?

Wenn ich das wüsste, wäre es wesentlich einfacher für mich. Inspiration ist etwas, das passiert und das sich nicht provozieren lässt – ich habs versucht. Die Wiederkehrer sind natürlich die Ausnahme von der Regel. Ich hatte große Schreiblust aber noch keine Idee. Mit diesem Gedanken: »Mann, ich muss mir was einfallen lassen«, legte ich mich schlafen, und noch ehe ich im Traumland verschwand, war der AA-Engel da, und zwar so deutlich, dass ich hellwach hochfuhr und »klasse Idee« rief. Aber ich sah keinen Grund, etwas zu notieren, hab mich stattdessen wieder hingeschmissen, geschlafen, und am Morgen hat mir mein Hirn die Entwürfe hingelegt, die es über Nacht ausgearbeitet hat.
Ben war ursprünglich gar nicht als Roman gedacht. Eigentlich hatte ich gerade an einer ganz anderen Idee getüftelt und wollte als kleine geistige Auszeit beim Gay-Kiss-Wettberwerb mitmachen. Motto: Fuck the Police. Die ursprüngliche Idee lautete ein wenig anders. Ben hätte so ein linkslinker Quälgeist sein sollen, der den Kumpel seines Bruders provoziert, einen superkorrekten, redlichen Bullen. Aber dann hockten die beiden Brüder einander im Zimmer gegenüber und Jochen verdrehte Ben die Ohren, und plötzlich fand ich mich in einer Geschichte wieder, die nicht in 6.000 Wörtern erzählt war. Das erklärt vielleicht die Zeitsprünge am Anfang. Da versuchte ich noch, innerhalb dieses Limits eine spannende Story zu erzählen. Hab für die Romanfassung lange hin und her überlegt, ob ich das ändern soll, aber egal wie ich es gemacht hätte, es hätte dem Roman Spannung genommen. Der leicht chaotische Einstieg ist für diese Geschichte der richtige, denke ich.
Wenn ich es recht besehe, sind die meisten meiner Ideen die Geburten anderer Ideen. Tote Poeten zum Beispiel. Ehe ich mit einer Geschichte loslege, halte ich manchmal in einer Charakterdatei die Vergangenheit des Protagonisten fest, um mir darüber klar zu werden, wer er ist und wie er tickt. Eriks Vergangenheit war schließlich interessanter als die Geschichte, für die er erschaffen wurde. Und nein, ich weiß nicht mehr, wie die ursprüngliche Idee lautete.


4. In »Ben – Liebe am Abgrund« hat mich stark beeindruckt, wie wunderbar du diesen Psychoterror umgesetzt hast. Wie ist es, sowas zu schreiben? Hast du mitgelitten oder war es eher ein perfides Vergnügen, deine dunkle Seite ausleben zu können?

Oh, Gott, das Schreiben war die Hölle. Ich kann nicht schreiben, ohne mich mit Haut, Haar, Herz und Hirn in die Protagonisten zu vertiefen. An einem Tag bin ich der eine, am anderen der andere. Dieses intensive Hineinleben ist mir wichtig, um psychologisch schlüssig zu bleiben. In dieser Geschichte musste ich also einerseits zwischen den Traumata, die Ben, aber auch Paul und Claudia durchlitten haben, und andererseits dem Psychopathen Jochen hin und her springen. Es ist für einen gesunden Menschen nicht möglich, sich das Leben ohne Mitgefühl vorzustellen, daher habe ich besonders für Jochen viel mit jemandem diskutiert, der selbst Opfer eines Psychopathen war und der, um zu überleben, die Natur eines solchen durchschauen musste. Die Arbeit an diesem Roman hat mir emotional einiges abverlangt und mir einiges über die Zerstörungskraft von Psychopathen gezeigt, selbst wenn sie nur virtuell sind. Ich wurde während der Arbeit an dem Werk depressiv, konnte monatelang nicht schreiben und war drauf und dran, die Geschichte an den Nagel zu hängen – aus Selbstschutz. Aber, pfts, wenn ich meine Seele schützen will, darf ich nicht Autor werden, also habe ich es schließlich durchgezogen und war richtig erleichtert, als ich es geschafft hatte. Nicht euphorisch, wie sonst nach dem Beenden eines Werkes, aber Jochen würde mich noch heute verfolgen, hätte ich das Buch nicht abgeschlossen. Für mich war danach jedenfalls klar: Ein solch heftiges Projekt wird so bald nicht folgen, obwohl ich da einige Ideen hätte.


5. Jetzt aber zu deinem neuen Werk »Tote Poeten und Pickelstift«. Darin geht es um eine Liebe zwischen Lehrer und Schüler, noch immer ein großes gesellschaftliches Tabu. Die Reaktion von Eriks Eltern mag übertrieben sein, ist aber auch ihrer Unsicherheit geschuldet. Denkst du, es ist schwer, so eine Situation zu meistern? Würdest du anders reagieren oder kannst du es ein wenig nachempfinden?

Könnte ich es nicht irgendwo nachempfinden, hätte ich es nie so schreiben können. Freilich rede ich mir ein, wenn ich einen siebzehnjährigen Sohn hätte und er käme eines Tages mit einem siebenundzwanzigjährigen Motorradfahrer daher, der auch noch sein Lehrer ist, würde ich total chillig reagieren. Ich meine, ich fühle mich doch sehr tolerant und jung und open-minded und so weiter. Aber dann verlegte ich das alles ein wenig in die Realität. Ich habe keine eigenen Kinder, aber Neffen und Nichten in diesem Alter. Ich stellte mir so eine Situation vor, wie sie auf ein Gartenfest mit einer entsprechenden Liebsten oder einem Liebsten daherkommen, Lehrer, windiges Auftreten, unterstellen den Anwesenden sofort mal Vernachlässigung … da, mh, da … hachja, da bemerkte ich, dass ich vielleicht nicht mehr ganz so jung bin, wie ich dachte, nicht mehr ganz so auf ›Liebe ist stärker als alles‹ geeicht. Zugleich stellte ich mir vor, wie meine eigenen Eltern reagiert hätten, hätte ich mir so eine Erik-Aktion rausgenommen, und welches Gefühl von Ungerechtigkeit ich als Teenager empfunden hätte. Tja, und so kam es dann, dass ich an einem Tag in die Rolle der besorgten Eltern schlüpfte, die ja auch mit Schuldgefühlen kämpften, ihren Sohn vernachlässigt zu haben (und dem gekränkten Stolz, dass ihnen das ausgerechnet dieser ›Hallodri‹ zwitschert), und am anderen Tag in den von Hormonen gebeutelten, von der ersten Liebe besessenen und auf Trotz und Provokation gebürsteten Teenager.
Apropos: Ich habe in meiner Jugend Tagebuch geschrieben, um meinem späteren Ich klarzumachen, wie borniert und doof Erwachsene sind, wie ungerecht und gemein. Mein ehrgeiziger Gedanke war, dass ich, sollte ich ›alt‹ sein, von dieser schroffen Zurechtweisung geläutert ein vorbildlicher Erwachsener werden würde. Diese Tagebücher habe ich für den Roman hervorgekramt, und nachdem ich eine Weile verzückt war, wie grenzenlos naiv und dumm ich doch einmal war, fror ich ein, weil mir bewusst wurde, dass ich auf der Seite der ›Bösen‹ stand, und dauernd dachte: »Mäderl, Zorn schön und gut, aber so läuft das nicht.« Irgendwie wurde ich bei dem Buch erwachsen, beziehungsweise erkannte ich, dass ich das längst bin. (Und Himmel, wann ist denn das passiert?)


6. Hast du schon neue Projekte in Arbeit, auf die wir uns freuen können?

Das ist derzeit eine etwas heikle Frage, da ich mich in einer Art Reboot als Schriftsteller befinde, und noch nicht weiß, ob die installierten Updates greifen oder das System zum Absturz bringen. Es gibt zwar ein paar Ideen, die erscheinen mir aber alle schlecht, banal und sinnlos, und ich muss noch herausfinden, ob das so ist, weil ich derzeit wieder mit einer depressiven Episode kämpfe, oder ob sie wirklich schlecht sind.
Davor, nebenbei, untendrunter und überdrüber arbeite ich an einem Projekt jenseits von Gay-Romance. Es spielt in der Zukunft, ist eher Dystopie als Science-Fiction. Eine klassische Dystopie per Genredefinition ist es aber nicht, da in der Geschichte nicht der Kampf gegen das System im Vordergrund steht, sonder der Murks um Identität, Liebe, Vertrauen, Vergangenheit, Zukunft. Na ja, so kookytypischer Scheiß halt. ;)
Da ich mir die ständigen Diskussionen rund um »dürfen Frauen Gay-Romance schreiben?« zu sehr zu Herzen genommen hatte, wollte ich keine Romane mehr in diesem Genre schreiben, denn: »Was erlaube ich mir da eigentlich?« Doch mittlerweile denke ich, dass ich auch über die Selbstwertproblematik transsexueller Silberfischchen schreiben dürfte, wenn ich mich dazu berufen fühle. Also: Es wird wieder Gay-Romance von Kooky Rooster geben.


7. Zuletzt noch eine Frage, die zwei liebe Leserinnen meines Blogs geäußert haben. Sie würden gerne wissen, ob Harry und Billy ihren Entzug geschafft haben.

In einer raureifen Winternacht – ich schlief mit der Decke über der Nase – ertönte in meinem Zimmer plötzlich betäubender Lärm. Grelles Licht blendete mich, dann erschienen im Nebel der Auspuffgase zwei Engel auf einem Motorrad. Der eine in Polizeiuniform, der andere wie ein Marineoffizier gekleidet. »Wir möchten mit dir über Gott reden«, sagten sie, dann begannen sie zu kichern und aus ihren Mündern kroch das scharfe Aroma von Whiskey und vermengte sich mit dem Gestank von Benzin. Harry hob einen Zeigefinger und sprach in dräuendem Ton: »Und siehe, ein Blogger wird kommen, und dir eine Frage stellen …« Billy hinter ihm klappte vor Lachen zusammen und kullerte vom Motorrad. »Hör auf mit dem Scheiß, Mann, ich kann nicht mehr …« Harrys Mundwinkel zuckten leicht, dann fuhr er fort: »Und wahrlich, ich sage euch …« Billy wand sich, die Hände auf dem Bauch, und jaulte. »Ich sterbe, ich sterbe …«
Ich glaube, in Sachen Entzug ist noch ein wenig Luft nach oben.

Wenn ihr noch mehr über Kooky und ihre Bücher erfahren wollt, besucht gerne ihr Profil auf BookRix.
Ich verklinke euch im Anschluss auch noch sämtliche Rezensionen, die ich bisher zu ihren Büchern verfasst habe.
Jules :)

Tote Poeten und Pickelstift
Ben - Liebe am Abgrund
Der Kuss
Reingekracht: Familien-Bullshit-Bingo
Zu viel: Dick, sensibel, ungeliebt
Fahr zur Hölle...: ...besinnliche Zeit
Der Satellit - Liebe in der Umlaufbahn

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